VÖZ-Gutachten: Privat-TV nur in analoger Form

Ein vom Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) präsentiertes Gutachten zur Zukunft des Fernsehens in Österreich spricht sich für die Verbreitung von privatem Fernsehen in analoger Form aus. Damit steht die im November des Vorjahres in Auftrag gegebene Expertise von Prof. Wolf-Dieter Ring, dem Präsidenten der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien, im Gegensatz zu der von SPÖ-Mediensprecher Josef Cap gestern erhobenen Forderung, privates Fernsehen nur digital auszustrahlen. "Dies würde bedeuten, dass neben ORF1 und ORF2 auf absehbare Zeit kein wirtschaftlich tragfähiges Privatfernsehprogramm entstehen könnte", so Ring in seiner Expertise. Die Reduzierung des Privatfernsehens auf die Kabelverbreitung mit einer technischen Reichweite von derzeit 38 Prozent stelle keine ausreichende finanzielle Basis für private TV-Angebote dar.

Ein momentaner Verzicht auf die digitale Nutzung der dritten terrestrischen Frequenzkette versperrt laut Ring den österreichischen Fernsehsendern nicht den Einstieg in das digitale Fernsehzeitalter. "Bereits jetzt werden die Fernsehprogramme von ORF1 und ORF2 sowie des Privatsenders ATV über digitale Satellitenkanäle verbreitet", so Ring. Ein über die dritte Kette verbreitetes digitales Programmbukett mit vier Programmen (ORF1+2, TW1 und ein ORF-Kulturkanal) stelle kein ausreichendes Motiv für einen Haushalt dar, einen entsprechenden Digital-Decoder zu kaufen. "Digitales terrestrisches Fernsehen wird sich im deutschsprachigen Raum nur sehr schwer im Markt durchsetzen", glaubt Ring.

Die im Rahmen dieser Untersuchung vorgenommene Analyse des österreichischen Werbemarkts hat nach Angaben Rings ergeben, dass für TV-Werbung noch ungenutzte Werbepotenziale vorhanden sind. So waren die Brutto-Werbeaufwendungen pro Kopf in Österreich im Jahre 2000 mit 3.437 Schilling zwar höher als in Deutschland mit 3.047 Schilling. Dagegen waren in Deutschland die TV-Werbeaufwendungen mit 1.338 Schilling um 64 Prozent höher als in Österreich mit TV-Werbeaufwendungen pro Kopf in Höhe von 814 Schilling.

Ring schließt daraus, dass bei einer Ausweitung des Fernsehangebots mit steigenden Werbeaufwendungen im Fernsehen zu rechnen sei. Als Beleg dafür könne auch der starke Anstieg der Einnahmen der deutschen Fernsehwerbefenster in Österreich herangezogen werden, ohne dass das von den Werbefenstern ausgeschöpfte Werbevolumen in Höhe von rund einer Mrd. Schilling die Einnahmen des ORF aus Werbefernsehen beeinträchtigt habe. Ring sieht ein zusätzliches Brutto-Werbepotenzial für Privatfernsehen in Höhe von rund 1.000 bis 1.400 Mio. Schilling.

Um die Existenz von Privat-TV zu sichern, sei eine Reduzierung der Werbemöglichkeiten im ORF unumgänglich. Denkbar wäre, dass in einem ersten Schritt dem ORF die Möglichkeiten von Sponsor- und sonstiger Sonderwerbeformen untersagt werden. In einem zweiten Schritt könnte dann der Umfang der Fernsehwerbung von derzeit 42 Minuten zumindest auf das Niveau vom Jahr 2000 mit 35 Minuten zurückgeführt werden. Die Mischfinanzierung aus Gebühren und Werbeeinnahmen soll aufgrund der Bevölkerungsgröße Österreichs beibehalten werden.

Dem ORF müssten aber auch inhaltlich neue Richtlinien auferlegt werden. "Dazu gehört die klare Definition des öffentlich-rechtlichen Auftrags, die Rückführung der feststellbaren Kommerzialisierung insbesondere bei ORF1, das von dem eines Privatsenders kaum zu unterscheiden ist." So könnten neben den bestehenden Angeboten von ORF1+2 eine private dritte TV-Kette sowie private regionale Fensterprogramme in ORF2 wirtschaftlich betrieben werden.

Privat-TV könne auch durch eine Privatisierung von ORF1 erzielt werden. "Anscheinend ersetzt das bestehende ORF1-Programm ohnehin das in Österreich fehlende Privatfernsehangebot für Zuschauer und Werbekunden" meint Ring. Modellberechnungen zeigten, dass die Finanzierung eines privatisierten ORF1-Programms aus Werbeerlösen grundsätzlich möglich sei. Dieses Szenario sei aber lediglich als ein Ausweichmodell anzusehen, falls der Aufbau eines eigenständigen Privatfernsehangebots neben ORF1 und ORF2 nicht möglich sei.

Ring kritisiert in seinem Gutachten auch die publizistische Konzentration. Ohne Einbeziehung der ausländischen Programme erreicht der ORF im Zuschauermarkt einen Marktanteil von 99 Prozent, im Hörfunkmarkt einen Marktanteil von 80 Prozent. "Gemessen am westeuropäischen Standard erscheint das Ausmaß der publizistischen Konzentration auf 'eine Stimme' im Fernsehen sehr bedenklich", so Ring.

Zu den Rahmenbedingungen eines funktionierenden dualen Rundfunkssystems gehört nach Ansicht Rings auch die Schaffung einer unabhängigen Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde. Diese sollte auch für den Telekommunikationsbereich zuständig sein.

Das 80-seitige Gutachten ist im vollen Wortlaut als PDF-Dokument unter http://www.voez.at abrufbar.

zurück 16.02.2001